Über betreuende Angehörige wird viel vermutet und wenig gemessen. Mit SCOHPICA — der «Swiss Cohort of Healthcare Professionals and Informal Caregivers» — entsteht erstmals eine Schweizer Kohorte, die betreuende Angehörige nicht einmalig befragt, sondern über die Jahre begleitet. Im April 2026 lagen die ersten Resultate aus der Erhebung 2025 vor. Wir ordnen die wichtigsten Befunde ein.
Wer betreut — und zu welchem Preis
Das Profil ist klar: gut drei Viertel Frauen, mittleres Alter rund 52 Jahre, die Hälfte mitten im Erwerbsleben. Betreut werden meist ein Elternteil, der Partner oder das eigene Kind; knapp 40 Prozent der Betreuten sind über 80. Die Belastung ist Alltag, nicht Ausnahme:
- Median 15 Stunden pro Woche — im Schnitt über 30, denn ein Teil ist rund um die Uhr im Einsatz.
- Median sechs Jahre in dieser Rolle — ein Dauerzustand, kein kurzes Ereignis.
- Knapp jede vierte erwerbstätige Person reduziert dafür ihr Pensum.
- Rund ein Drittel erhält gar keine professionelle oder freiwillige Unterstützung.
- Knapp 30 Prozent empfinden den eigenen Aufwand als zu hoch.
Was Erschöpfung treibt — und was schützt
Entscheidend ist nicht die Beschreibung, sondern die Frage: Was bestimmt, ob jemand ausbrennt oder stabil bleibt? Aus rund 47 möglichen Einflussgrössen filtert SCOHPICA die tragenden heraus — und psychologische Faktoren erklären den Grossteil der Erschöpfung, deutlich mehr als Stunden, Einkommen oder Demografie. Vier Hebel stechen heraus:
- Selbstüberforderung — sich nicht abgrenzen können — ist der stärkste Risikofaktor.
- Das Kohärenzgefühl — die eigene Lage als verstehbar, bewältigbar und sinnhaft erleben — schützt am stärksten.
- Eine gute Beziehung zur betreuten Person schützt ebenfalls deutlich.
- Das Gefühl, sich frei entschieden zu haben, entlastet — Betreuung aus Zwang belastet, aus Entscheidung trägt.
Diese Faktoren wirken vor allem über die Erschöpfung auf die Lebensqualität. Wer Erschöpfung verhindert, schützt damit nicht ein Symptom, sondern die zentrale Schaltstelle.
Was das für die Unterstützung heisst
Das verschiebt den Fokus. Entlastung wird meist in Stunden und Geld gedacht — beides bleibt wichtig. Doch Anerkennung, Beziehung und Selbstwirksamkeit entscheiden mit darüber, ob jemand die Rolle trägt oder daran zerbricht. Das deckt sich mit den offenen Antworten der Studie, in denen das Gefühl auftaucht, «keinen Platz in der Gesellschaft — ohne Lohn und ohne Anerkennung» zu haben. Unterstützung muss betreuende Angehörige deshalb stützen und anerkennen, nicht unter Misstrauen stellen.
Einordnung in eigener Sache
Zur Ehrlichkeit gehört: Die erste Welle ist stark von der Westschweiz und vom Kanton Waadt geprägt und damit nicht national repräsentativ; die Teilnahme beruht zudem auf Selbstauswahl. Doch diese Schlagseite stärkt den Befund eher, als sie ihn schwächt. Die Waadt gehört zu den Kantonen mit der am weitesten ausgebauten Unterstützung für betreuende Angehörige — eigenes Förderprogramm, Pionierin des Tags der betreuenden Angehörigen (2012), überdurchschnittliche EL-Vergütung für Hilfe und Pflege zu Hause. Wenn schon dort jede vierte erwerbstätige Person ihr Pensum reduziert und ein Drittel ohne Unterstützung dasteht, ist in Kantonen mit dünnerem Angebot mit einer härteren Realität zu rechnen. Die ersten Zahlen sind damit wohl weniger ein Durchschnitt als eine Untergrenze — und mit jeder jährlichen Welle wird die Basis breiter und belastbarer.
Quelle: SCOHPICA — Swiss Cohort of Healthcare Professionals and Informal Caregivers, «Informal Caregivers: First findings from the 2025 data collection», 23. April 2026 (Unisanté, HES-SO, La Source, OST, CHUV, Universität Lausanne). Offene Daten und Dashboard: scohpica.ch.