Wenn in den Medien über betreuende Angehörige berichtet wird, klingt das oft nach einem Nischenthema. Das neue Obsan-Bulletin zeigt erstmals quellenübergreifend das wahre Ausmass: In der Schweiz betreuen 1,4 bis 1,7 Millionen Menschen Angehörige.

Das ist keine Randgruppe, sondern eine tragende Säule unserer Versorgung. Mehr als jede sechste Person ab 65 erhält regelmässig Hilfe von Angehörigen, gut die Hälfte davon seit über sechs Monaten. Betreuung ist damit kein kurzes Ereignis, sondern ein Dauerzustand.

Und sie ist zum grössten Teil keine medizinische Pflege. Im Vordergrund stehen Begleitung und emotionale Unterstützung — in rund 78 Prozent der Betreuungsverhältnisse —, dazu der Haushalt und die Koordination des ganzen Drumherums. Eigentliche Kranken- und Körperpflege macht nur etwa ein Viertel bis ein Drittel aus. Geleistet wird das überwiegend von Menschen mitten im Erwerbsleben: Gut die Hälfte der regelmässig Betreuenden jongliert Beruf, Familie und Betreuung zugleich.

Die noch wichtigere Zahl ist die Entwicklung.

Diese Gruppe wird kleiner. Bis 2040 dürfte die Zahl der potenziellen Betreuenden um mindestens 19 Prozent zurückgehen — und das, während der Bedarf an informeller Hilfe gleichzeitig steigt. Das Bulletin nennt die Folge beim Namen: In den kommenden Jahren droht ein Mangel an informeller Hilfe.

Das ist die eigentliche Botschaft hinter den Zahlen. Betreuende Angehörige sind keine Selbstverständlichkeit und keine unerschöpfliche Reserve, sondern eine knappe und schwindende Ressource, auf der ein grosser Teil unserer Versorgung ruht.

Wer sie erhalten will, muss sie stützen, entlasten und ihre Leistung anerkennen — nicht ihren Ruf beschädigen oder sie unter Misstrauen stellen. Eine knappe Ressource pflegt man. Man verschleisst sie nicht.

Quelle: Dutoit, L. & Pellegrini, S. (2026). Betreuende Angehörige: Bestandesaufnahme und Perspektiven für die Unterstützung älterer Menschen (Obsan-Bulletin 03/2026), Schweizerisches Gesundheitsobservatorium.