Zürich, 23. September 2026 — Erst klatschte die Schweiz für die Pflegeinitiative, jetzt droht pflegenden Angehörigen die Lohnkürzung per Verordnung: Am 29. September berät der Nationalrat über Vorstösse, die pflegende Familienmitglieder zu Pflegenden zweiter Klasse degradieren, das Alter beschränken und zur unbezahlten Arbeit verdonnern wollen. Weil in den zuständigen Kommissionen fast ausschliesslich die Lobbyisten bestimmen, formiert sich nun digitaler Widerstand: Über das neue Community-Feature «Mitreden» in der Care-App We+ erhalten über 2'500 Betroffene die Möglichkeit, per Klick Druck auf ihre Parlamentarier zu machen.
Wer die Mutter mit einer Demenzdiagnose oder den chronisch kranken Partner zu Hause pflegt, spart den Krankenkassen Milliarden. Doch am 29. September droht im Nationalrat ein staats- und sozialpolitischer Affront besonderer Güte. Drei parlamentarische Vorstösse zielen darauf ab, die Anstellung pflegender Angehöriger bei Spitex-Organisationen drastisch zu beschneiden.
Besonders stossend ist die Kommissionsmotion 26.3012: Sie verlangt von Angehörigen exakt dieselben Qualifikationen (SRK-Pflegehelferkurs), dieselbe Dokumentation und dieselben Qualitätsstandards wie von regulären Pflegehelfer/innen bei der Spitex – fordert aber gleichzeitig einen pauschalen Lohnabzug sowie eine Beschränkung des Alters.
«Das ist eine ungenierte Kombination aus Lohndumping und Altersdiskriminierung: Wer dieselbe anstrengende Pflege leistet, darf nicht schlechter bezahlt oder ausgeklammert werden, nur weil im Familienbüchlein der gleiche Nachname oder auf der ID das falsche Geburtsdatum steht», kritisiert Patrick Hofer, Entwickler von We+. «Wer im AHV-Alter seinen Partner zu Hause pflegt, leistet Schwerstarbeit. Die Pflegeinitiative verlangt verfassungsrechtlich einen fairen Lohn für ‹alle in der Pflege tätigen Personen› – ohne Altersstrafe- und Verwandtschaftsrabatt.»
Das unheimlich profitable Geschäftsmodell «Gratis-Pflege» am Abgrund
Hinter den Kürzungsplänen steckt ein fundamentaler Widerspruch der Schweizer Gesundheitspolitik: Seit Jahren gilt das politisch gewollte Dogma «ambulant vor stationär». Immer mehr Pflege wird aus Spitalstrukturen direkt in die Wohnzimmer verlagert. Dass dieses System überhaupt noch bezahlbar bleibt, verdankt die Schweiz ausschliesslich dem enormen Einsatz der Familien.
«Die pflegenden Angehörigen unter dem Deckmantel der steigenden Krankenkassenprämien zu Sündenböcken zu machen, ist ein zynisches Ablenkungsmanöver», warnt Patrick Hofer. «Die Politik treibt die Gesundheitsindustrie hemmungslos voran und lagert gleichzeitig schwere Betreuungs- und Pflegearbeit an die Privathaushalte aus. Doch das Geschäftsmodell ‹unbezahlte Care-Arbeit› wird dem demografischen Wandel schlicht nicht standhalten. Ohne faire Entlöhnung und soziale Absicherung der Angehörigen kollabiert unser Gesundheitswesen.»
Neu in der We+ App: «Mitreden» auf Knopfdruck
Dass solche herabsetzenden Vorstösse — die der Angehörigenpflege «den Riegel schieben» wollen — in den Parlamenten, wie «Pilze aus dem Boden spriessen» und überhaupt verhandelt werden, liegt an den Machtverhältnissen: In den vorberatenden Kommissionen für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) halten zahlreiche Mitglieder bezahlte Mandate von Krankenkassen, Venture-Capital, Spitälern, Heimen und Spitex-Verbänden – flankiert von den Exponenten der «Gotteslohn»-Fraktion, die familiäre Pflegearbeit am liebsten weiterhin als selbstverständliche Gratis-Ressource voraussetzen würde. Die betroffenen Familien hingegen hatten im Bundeshaus bisher keine organisierte Lobby.
Hier setzt das neue Community-Feature «Mitreden» an, mit dem sich Betroffene erstmals direkt in ein laufendes Verfahren einbringen können. We Technology lanciert es im aktuellen App-Update:
- Politik-Jargon übersetzt: Die App schlüsselt komplizierte Gesetzestexte verständlich auf und zeigt transparent, welche finanziellen und rechtlichen Folgen die Vorstösse für den eigenen Pflegealltag haben.
- Gemeinsame Stimme: Pflegende Angehörige können die offizielle Stellungnahme der We+-Community mit einem Knopfdruck mittragen.
- Direktkontakt zu den Parlamentariern: Basierend auf dem eigenen Wohnkanton generiert die App eine E-Mail an die zuständigen Nationalrätinnen und Nationalräte. Betroffene können diese durch ihre persönliche Geschichte ergänzen und selbst abschicken.
Damit wird We+ von der reinen Organisations-App zur ersten zivilgesellschaftlichen Mitwirkungs- und Partizipations-Plattform für pflegende Angehörige in der Schweiz.
Die Lobbyisten wollen bestimmen, wie viel Pflege Familien «gratis schulden»
Wie tief die Vorstösse ins Familienleben eingreifen, zeigt der Blick ins Detail: Mit der Motion 26.3012 öffnet die Politik eine juristische «Büchse der Pandora». Der Vorstoss will definieren, wo die «familiäre Fürsorgepflicht» beginnt – und damit vorschreiben, wie viele Pflegestunden Angehörige dem Staat kostenlos schulden. Diese gesellschaftliche Grundsatzdiskussion gehört ins Zivilgesetzbuch, nicht in eine Krankenversicherungsverordnung.
Gleichzeitig will die Motion 26.3013 den Kantonen erlauben, privaten Anbietern den Marktzugang zu sperren und Gebietsmonopole zu schaffen. Familien würde damit schlicht das Recht genommen, sich die Spitex-Organisation ihres Vertrauens frei auszusuchen.


