We+ hat den Mediendiskurs dieser Woche analysiert, im Vorfeld der Verhandlung im Nationalrat vom kommenden Dienstag.
Im Thurgau wird davon gesprochen, einen Riegel zu schieben: Für pflegende Angehörige mit Pflegehelferzertifikat soll der Tarif gekürzt werden (Thurgauer Zeitung, 23. und 24. September). Im Solothurnischen ist ein 18-Punkte-Plan angelaufen, mit einschneidenden Massnahmen gegen den «Pflegewildwuchs» (unsere Einordnung). Und in Zürich und Luzern laufen Revisionen, die alles andere als angehörigenfreundlich ausfallen.
Es kommen die Lobbyisten zu Wort
In der Tagesschau sagt Saskia Schenker vom Krankenkassenverband Prio.Swiss zum geforderten tieferen Tarif für die Angehörigenpflege: Es sollten «nicht die Angehörigen weniger verdienen, sondern die Margen bei den entsprechenden Organisationen sollen kleiner werden».
Es scheint, als seien die Gesetze der Betriebswirtschaft ausser Kraft gesetzt worden. Wer den Preis einer Stunde kürzt, bestimmt nicht, wo gespart wird. In jeder Wertschöpfungskette trifft ein Abschlag zuerst den Posten mit der geringsten Verhandlungsmacht — und das ist der Lohn der pflegenden Person, nicht die Marge des Vermittlers. Wer will, dass die Marge sinkt und der Lohn bleibt, muss den Lohnanteil regeln. Genau das haben wir in Zürich und Luzern beantragt.
Das Framing: Fingernägel und Schuhe
Interessant war auch das Framing im Tages-Anzeiger und in der NZZ, wo die Arbeit pflegender Angehöriger herabgesetzt wird. Da ist die Rede von Fingernägeln schneiden und Schuhe anziehen.
Patrick Hässig, GLP-Nationalrat, Pflegefachmann und Vorstandsmitglied des Spitex-Verbands Kanton Zürich, sagt in der NZZ: «Ich würde meinem Partner auch die Schuhe binden und ihm beim Aufstehen helfen, ohne Geld dafür zu verlangen.»
Es erstaunt, dass solche Aussagen aus der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit kommen. Sie degradieren betreuende Angehörige zu Lifestyle-Pflegenden und stellen das Personal privater Spitex-Firmen als unehrenhaft dar. Solche Äusserungen tragen nicht dazu bei, den sozialen Zusammenhalt zu stärken, und sie spalten die Spitex-Landschaft, in der öffentliche und private Organisationen dieselben Menschen versorgen.
Zur Sache: Vergütet wird nicht, was jemand nett findet, sondern Grundpflege nach Artikel 7 der Krankenpflege-Leistungsverordnung — und nur dann, wenn eine Pflegefachperson den Bedarf abgeklärt hat. Dass die Grenze zur familiären Fürsorgepflicht unscharf ist, stimmt. Nur gehört diese Frage ins Zivilgesetzbuch und, wo es um die Vergütung geht, ins Krankenversicherungsgesetz — mit Vernehmlassung, Beratung in beiden Räten und Referendum.
Druck auf die Bundesrätin
Im Artikel des Tages-Anzeigers setzen die Parlamentarier auch Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider massiv unter Druck. Weiterhin steht Aussage gegen Aussage: Die privaten Spitex-Firmen werden bezichtigt, ungerechtfertigt hohe Gewinne abzuschöpfen. Die Vertreter der Firmen wehren sich.
Was in keinem Artikel steht: Im Kanton Zürich ist dieselbe Stunde Grundpflege mehr als doppelt so teuer, wenn sie nicht von einer angehörigen Person erbracht wird — 146.62 statt 68.36 Franken. Die Arbeit einer angehörigen Person ist dem System also halb so viel wert. Und wohin der Teil des Tarifs fliesst, der nicht als Lohn ankommt, ist in beiden Fällen nicht erhoben. Wer die Angehörigenpflege zurückdrängt, macht die Pflege teurer — oder wieder unbezahlt.
Der Satz der Woche
Ursula Steinmann, pflegende Angehörige, sagte es in der Tagesschau richtig: «Es wäre einfach falsch, wenn man die pflegenden Angehörigen wieder zurückschrauben würde, denn am Ende mache ich die Arbeit.»
In drei von vier Artikeln sprechen Anbieter, in sieben von zehn Politik und Behörden. Betreuende Angehörige kommen in einem Drittel der Artikel vor, mit fünf von hundert Nennungen. Diese Woche bestätigt das Muster — bis auf diesen einen Satz.
Am Dienstag
Wir haben 122 Mitgliedern des Nationalrats geschrieben und bitten sie, den Anträgen des Bundesrates zu folgen: Nein zu 26.3012, Nein zu 26.3013, Ja zu 26.3519.
Unser Briefing an den Nationalrat · Alle Verfahren im Überblick
Quellen: SRF Tagesschau vom 26.09.2026 (Hauptausgabe); Tages-Anzeiger, Mischa Aebi, «Die Kosten laufen aus dem Ruder», 26.09.2026; NZZ, Isabelle Wachter, «350 Millionen für die Angehörigenpflege», 26.09.2026; Thurgauer Zeitung, 23. und 24.09.2026; Bericht des Bundesrates «Pflegeleistungen von Angehörigen im Rahmen der OKP», 15.10.2025; BAG, Kennzahlen Spitex 2023; Art. 7 und 7a KLV; Kreisschreiben Normdefizite 2026 der Gesundheitsdirektion Zürich; Diskursanalyse We+ (2022–2026).